Segestria florentina/Beobachtungen/Schlegel W
Beobachtungen zu Segestria florentina
Alle Beobachtungen stammen von Tieren vom Neckarufer in Stuttgart (Baden Württemberg). Diese Beobachtungen führten zur Meldung des dritten Fundes für diese Art in Deutschland.
Fundumstände
13.07.2012:
In der Nacht zeigte die nähere Betrachtung einer Betonwand in winzigen Lücken die für Segestriidae charakteristischen, kleinen Netze. Ca 20 cm weiter in einem Spalt hinter einem Rattengiftbehälter wird ein großes Tier entdeckt, dass später als Segestria florentina identifiziert wurde.
Nach eingehender Untersuchung der Umgebung stellt sich heraus, dass dort eine ganze Kolonie mit mindestens 12 großen und etlichen heranwachsenden Tieren lebt. Mit Futter oder einem Grahalm lassen sie sich herauskitzeln und auch einfangen. Das Portrait zeigt den grünen Metallic-Effekt auf den Chelizeren. In der Folge wird die Kolonie bis zum Herbst regelmäßig besucht. Die Beobachtungen sind hier zusammengestellt.
- Segestria florentina w Neckarufer Betonand Stuttgart 14Jul12 WSchlegel.jpg
im Netz
- Segestria florentina w frontal Neckarufer Betonand Stuttgart 14Jul12 WSchlegel.jpg
metallisch glänzende Chelizeren.
- Segestria florentina w lateral Neckarufer Betonand Stuttgart 14Jul12 WSchlegel.jpg
Weibchen lateral
Der Fundort
Mein neues Haustier misst 12 -13 mm; in der Kolonie waren zwei oder drei deutlich größer, aber wohl nicht über 18 mm. Nach Roberts sind reife Weibchen ab 13 mm lang, so dass mein Tier wahrscheinlich noch wächst. Bei ausgewachsenen Weibchen sollte die Opisthosoma-Zeichnung noch stärker im Schwarz aufgehen. Anbei noch eine Dorsalansicht bei Tageslicht.
Möglicherweise ist die ganze Kolonie das Ergebnis des Landgangs einer einzigen Florentiner-Mutter. Sie scheint auf ca. 15 Quadratmeter beschränkt zu sein; bei den kleinen Segestrien, die auch dort nisten, bin ich mir über die Artzugehörigkeit vorerst nicht im klaren. Bleibt abzuwarten, ob sie hier den Winter überstehen können. Immerhin hält bei Aldingen am Neckarufer ein Feigenbusch seit mindestens zehn Jahren die Stellung, so dass es nicht völlig aussichtslos erscheint.
Ob man sie in Brandenburg finden kann? Ich bin etwas skeptisch, denn ich glaube nicht, dass die Stammeltern der Kolonie auf acht Beinen nach Stuttgart eingewandert sind. Der Literatur ist zu entnehmen, dass Segestria florentina in Südengland und Wales gewöhnlich bei Häfen vorkommt; die Art ist weitverbreitet in Europa mit Ausnahme des hohen Nordens und überall gerne mit Häfen vergesellschaftet (Roberts). Das lässt doch einen Rückschluss auf das Lieblings-Verkehrsmittel zu. Wenn vor der Stuttgarter Kolonie ein Frachtschiff anlegt (und dort legt oft ein Frachtschiff an), haben es alle dort wohnhaften Spinnen zwischen einem und drei Meter weit, wenn sie an Bord gehen wollen.
Ich bin ziemlich sicher, dass sich an entsprechenden Stellen in Hafenanlagen von Rhein, Main und Neckar weitere S. florentina finden lassen, wenn man am richtigen Ort sucht. Das ist nur nicht so einfach, weil es viele derartige Stellen gibt, und nicht an allen sind schwangere Segestrien vom Schiff gestiegen. Schiffe fahren jedenfalls genug; am Rhein fühlt man sich Tag und Nacht ein bisschen wie an einer Autobahn. Am Neckar ist es ruhiger, Havel und Oder wirken vergleichsweise geradezu verträumt. Aber suchen kostet ja nichts - kann nach meinen Erfahrungen nur etwas dauern. Es ist schon bezeichnend, dass ich die Art erst gefunden habe, als ich die Suche bereits aufgegeben hatte. Da alle Individuen, die ich in der Kolonie gesehen habe, unterhalb der theoretischen Maximalgröße bleiben, könnte man annehmen, dass alle diesjährige Jungtiere sind - falls jemand weiß, wie schnell S. florentina wächst, bitte ich um Mitteilung. Die geringe Ausdehnung der Kolonie spricht auch eher dafür, dass sie noch nicht sehr lange existiert. Über die Frostempfindlichkeit der Art weiß ich nichts genaueres. Am Standort hätte sie Schwierigkeiten, sich in frostfreie Tiefen einzugraben. Letzten Winter hatten wir dort auch deutlich unter -10 Grad. Allerdings befinden sich beheizte Gebäude in einer Entfernung von höchstens 15 m. Vor der linken Treppe ein Poller, an dem vermutlich das Schiff festgemacht war, von dem die Kolonie ihren Ausgang nahm. Hier ist ein ausgewiesener Schiffsparkplatz (blaues P-Schild, beschilderter Ausgang zur Straße), manchmal liegen Kähne das ganze Wochenende fest, und somit ist das genau die Stelle, an der man eine solche Kolonie erwarten sollte (hinterher kann man ziemlich schlau sein). Da das Gelände sehr übersichtlich ist, ist gut festzustellen, wo die Kolonie aufhört. Die meisten Spinnen leben in den Fugen des Verbundpflasters, das sich direkt am Ufer über der Spundwand findet. Einige nutzen auch Spalten unter oder hinter Rettungsring-Behältern, Leitern, Rattengift-Kästen und einer Holztreppe; die kleinsten findet man selbst in Eintiefungen auf Betonflächen. Über die Gleisanlagen sind sie nicht hinweggekommen; im Schotter des Gleisbetts konnte ich Anfang August immerhin drei kleinere Tiere feststellen, die dort sechs Wochen später nicht mehr zu sehen waren. Ans Gleisbett schließt sich landseitig eine große Montagehalle an, deren Wand bis auf wenige flache Fugen ziemlich glatt ist; daran ist keine einzige Segestria zu finden. In der Wand gibt's auch Tore, die ab und zu im Sommer längere Zeit offenstehen; falls eine Segestria es da hinein schafft, wird sie im Winter nicht erfrieren. Ansonsten ist diese Halle ziemlich abgedichtet, Unterkellerung wird es in der näheren Umgebung kaum haben.
Bestandsentwicklung
ie großen Spinnen sind so gut wie sessil; viele scheinen seit Juli an exakt derselben Stelle zu sitzen. Am 3. August (auf der Skizze grün markiert) und am 11. September (rot markiert) habe ich die Ausdehnungen des besiedelten Gebiets abgemessen und Volkszählungen vorgenommen - kein Anspruch auf Exaktheit; gezählt wurden alle Spinnen, die nachts in ihren Netzen aus Stehhöhe bequem zu erkennen waren. Es fehlen also alle Babys und alle anderen, die es aus Gründen wie Häutung oder Vollgefressensein vorzogen, unsichtbar zu bleiben. Es zeichnet sich eine leichte Vermehrung ab; die Außengrenzen der Kolonie wurden allerdings nur in einer Richtung um etwa vier Meter ausgedehnt. Mit dieser Ausbreitungsgeschwindigkeit von 4.27 * 10-6 km/h werden sie etwas über 180 Jahre brauchen, bis sie die Universität Hohenheim erreichen (und der Fluss ist auch noch dazwischen). Tatsächlich sind mit hoher Sicherheit alle Tiere der Kolonie im Stuttgarter Hafen S. florentina; ich habe noch welche in den Größen von 3, 4.5, 6 und 10 mm eingefangen, und keine davon war eine senoculata. Ich komme seit einigen Jahren regelmäßig in den Hafen und habe dort bisher sonst noch gar keine Segestrien gefunden; dass sich nun plötzlich eine gemischte Kolonie an einer Stelle etabliert hätte, ist unwahrscheinlich. Wenn die Kolonie erlöschen sollte, dann sicher nicht wegen mangelnder Fortpflanzungsfreudigkeit; besonders Anfang August sah ich jede Menge kleiner Spinnen unter 5 mm. Ein reifes Männchen ist mir noch nicht begegnet, man beachte aber untenstehendes Foto. Das zusätzliche Beinpaar ist mir erst daheim am Monitor aufgefallen. Diese Spinne knipste ich 20 Minuten später nochmals; da bot sich exakt das gleiche Bild. Da sich Spinnen normalerweise keine Beute auf den Buckel packen, interpretiere ich das am ehesten als Hinterbeine eines Herrenbesuchs. Über die konkrete Stellung rätsle ich noch etwas.
Abgrenzung zu S. senoculata und S. bavarica
S. senoculata ist in allen Größen (untersucht ab 2 mm) anhand der Bestachelung von Metatarsus I von den beiden anderen Arten gut abzugrenzen, vor allem an Präparaten. Bei lebenden Tieren sind die beiden zusätzlichen distalen Stachelpaare auch einigermaßen in lateraler Ansicht zu erkennen, wenn sie die Ventralseite des Metatarsus nicht herzeigen wollen.
Mittlerweile habe ich auch zwei Kolonien von S. bavarica aufgetan (am Leonberger Pomeranzengarten und in der Hofener Burgruine) und kann sagen, dass im Raum Stuttgart Individuen von florentina und bavarica einander tatsächlich umso ähnlicher sehen, je kleiner sie sind. Wenn sie an die 10 mm lang sind, ist florentina in ihrer vorderen Hälfte schon deutlich dunkler und überhaupt unbunter, bei kleineren Tieren ist der Färbungsunterschied mit Glück noch auszumachen, jedenfalls wenn man sie nebeneinander sieht, und bei den unter 4 mm langen habe ich vorerst gar keine Ahnung, woran man sie sicher unterscheiden kann. Vielleicht bringt intensivere Untersuchung der Bestachelung noch Aufschluss. Soweit bin ich noch nicht.
Das Muster auf dem Hintern ist direkt unter der Lupe besser zu erkennen als auf meinen bisherigen Fotos; eine deutlich abgesetzte helle mittlere Trennlinie ist bei allen bavaricas über 4 mm zu sehen und bei keiner florentina, zudem scheinen die dunklen Flecken bei florentina breiter und mehr rautenförmig zu sein, allerdings: ich habe im Moment zwei bavarica-Weibchen von 10 und 12 mm hier und ein reifes Männchen von 8 mm, und bei jedem Tier sieht das Muster etwas anders aus. Leider ist dieses Muster im Freiland selten sichtbar; eine herausgekitzelte Spinne bleibt normalerweise auch nicht still sitzen, um sich fotografieren zu lassen, und ich müsste schon die ganze Kolonie in meine Wohnung übersiedeln, um etwas gescheites über die Variabilität dieses Musters sagen zu können. Werd ich schön bleibenlassen. Am einfachsten dürften im Freiland ganze Kolonien zu bestimmen sein; die Ausmaße der jeweils größten Tiere sind ziemlich aussagekräftig. Wenn auf der Wand nur winzige Wimmerln sitzen, kann man von senoculata ausgehen, und wenn aus einer Netzöffnung etwas hängt, was einen an sechs in gefahrenem Motorenöl getränkte Spaghetti erinnert, ist die Sache auch ziemlich klar. Mittendrin liegt die bavarica-Größe. Sicherlich mag es auch gemischte Kolonien geben.
Beutetiere
Ob die Florentiner-Kolonie letztes Jahr schon existiert hat, weiß ich nicht; ich war 2010 einmal an genau dieser Stelle und sah dort nichts bemerkenswertes - natürlich soll auch schon mal jemand Tomaten auf den Augen gehabt haben; aber fingerdicke Gespinstschläuche in Augenhöhe übersehen wie hier unter einem Rettungsring-Behälter (siehe Bild unten) ? Ich fand die Stelle eher uninteressant und habe mich 2011 niemals dort umgesehen. Im Juli diesen Jahres war ich nur deswegen dort gelandet, weil eine Überdachung vor Regen schützt. Im Februar 2012 hatten wir hier in der Gegend strengen Kahlfrost (-13,6 ° C in Stuttgart-Neckartal am 7.2.), der im Garten eine Menge hat erfrieren lassen; wenn die Spinnen das überstanden haben sollten, dürften sie kaum kälteempfindlich sein. Ich tendiere zur Ansicht, dass der Grundstock zur Kolonie später gelegt wurde - was für ein schnelles Wachstum der Tiere spricht. Das Nahrungsangebot ist dort nicht schlecht; wenn im Fluss massenhaft Zuckmücken oder sonstige Insekten schlüpfen, haben die Spinnen Fettleber. Fressfeinde sind am ehesten andere Spinnen und eventuell gelegentlich Vögel; Reptilien und Amphibien scheinen völlig zu fehlen, auch Spitzmäuse oder Igel habe ich dort noch nicht angetroffen. An größeren Spinnen gibt es selten Drassodes lapidosus und noch seltener Scotophaeus scutulatus, in sehr großer Zahl Larinioides sclopetarius und im Gleisbett der Eisenbahn viele Pardosa wagleri. Die können sicher alle Segestrien bis zu einer gewissen Größe erbeuten; neben einem Larinioides-Netz habe ich einmal eine 5-mm-Segestria als eingesponnenes Paket gefunden, Kontakte mit den anderen Arten konnte ich nicht beobachten. Die L. sclopetarius sind andererseits eine beliebte Beute der Segestrien, wenn sie in die Nähe der Signalfäden geraten. Gern verspeist werden auch Raupen, die auf die Idee kommen, sich ausgerechnet in diesem Bereich zu verpuppen.
Netze
Meine Haus-Segestrien leben in spartanisch eingerichteten kleinen Glasterrarien. S. florentina webt sich auch ohne Spalten oder Röhren ihren Netzschlauch (senoculata scheint damit Schwierigkeiten zu haben). Fütterung ist unproblematisch, Schaben, Mehlwürmer, Heuschrecken und Falter werden mit Appetit verzehrt, nur Asseln werden verschmäht (wie auch im Freiland). Nach zwei Wochen im Terrarium hat sich die größte meiner Florentinerinnen (die von den ersten Bildern in diesem Thread) übrigens gehäutet, woraus zu schließen ist, dass der grüne Glanz auf den Beißern nicht nur reifen Weibchen zukommt (oder dass sich auch reife Weibchen nochmals häuten können).
Angriffslust
Da man Segestria florentina öfters eine gewisse Angriffslust unterstellt, unternahm ich Annäherungsversuche mit einem aufgeblasenen Latex-Handschuh (der finnische Todesmut geht mir völlig ab). Da wurde recht schnell klar, dass diese Spinnen mehr Selbstbewusstsein haben als z.B. Tegenaria atrica, die man mit derart tollpatschigem Gefummel sofort vertreiben würde. Eine große Segestria will wissen, was da vorgeht, und startet im allgemeinen etwas, was ich als Testangriff bezeichnen möchte. Was die Spinne dabei genau macht, weiß ich nicht - es geht blitzschnell, und eine Zeitlupe habe ich nicht unter meinen technischen Möglichkeiten. Würde die Spinne kräftig zubeißen, sollte man hinterher wohl Löcher im Latex finden. Bei keinem von über zwanzig Testangriffen war dies der Fall. Fast immer berührt die Spinne den Gummifinger und zieht sich dann sofort wieder zurück. Einmal wählte eine Spinne nicht die Richtung zum Testinstrument, sondern zum kleinen Finger meiner Kamerahand, mit dem ich mich auf dem Boden abstützte; auch dabei kam es nur zu einer kaum wahrnehmbaren Berührung (diese Variante des Versuchs habe ich aber nicht weiter vertieft). Einmal allerdings umarmte eine Spinne den Gummifinger einige Sekunden lang mit mindestens vier Beinen, wobei man es deutlich knistern hörte, aber auch danach war keine Beschädigung festzustellen.
Ich glaube, dass einer keine große Spinnenphobie haben muss, um sich zu erschrecken, wenn so ein dickes schwarzes Ding unverhofft aus seinen Finger zugeschossen kommt. Das kann auch tagsüber passieren, mindestens wenn man direkt die Öffnung des Netzschlauchs berührt; wenn die Spinne bei Nacht auf den Signalfäden sitzt, kommt sie bisweilen aus einer Entfernung von annähernd 20 cm angewetzt.
Solche Testangriffe sind regelmäßig zu beobachten, wenn Asseln über die Signalfäden laufen; die Asseln werden kurz berührt und dann in Frieden gelassen. Anders bei willkommener Beute, die sofort identifiziert und überwältigt wird. Ich wüsste gern, woran die Spinne eine Beute eigentlich erkennt; die Größe allein kann es nicht sein (siehe Asseln), aber auch einen nahrhaften Geschmack muss sie nicht haben: eine künstliche Fliege (White Moth Dry Winged #12; natürlich ohne Haken!) wird begeistert akzeptiert und in die Wohnung geschleppt; will man die Spinne dabei aufhalten, kann es zu einem regelrechten Tauziehen kommen
Zitat
Schlegel W (2012): Beobachtungen zu Segestria florentina, 1 S.