Spinnen bestimmen

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Dieser Artikel gibt einen Überblick über die Methoden zur Bestimmung von Spinnen.

Bestimmung nach makroskopischen Merkmalen

Ein großer Teil der Spinnenarten ist von erfahrenen Arachnologen schon anhand makroskopischer Merkmale ohne Hilfsmittel sicher bis zur Art zu bestimmen. Solche Merkmale sind unter anderem:

  • Größe
  • Körperbau
  • Proportionen (z. B. Verhältnis der Beinlänge zur Körperlänge)
  • Farbe
  • Zeichnung (Muster)

Wie groß die Anzahl der auf diese Weise sicher zu bestimmenden Arten ist hängt stark von der Erfahrung des Determinierers ab. Im Zuge ihrer Tätigkeit entwickeln die meisten Arachnologen / Hobbyarachnologen ein gewisses Expertentum für eine bestimmte Artengruppe oder einige Familien, während sie sich in anderen Familien weniger gut auskennen. Auch hat das Artenwissen oft einen regionalen Bezug. So kennt ein Arachnologe z. B. die Arten seines Hauptuntersuchungsgebietes oder -biotops sehr genau, in einem fremden Gebiet muss er sich aber auch erst wieder einarbeiten.

Merkmalsvariabilität

Die meisten dieser Merkmale variieren allerdings innerhalb der Arten stark. Das kann folgende Gründe haben:

  • Die Art weist von Natur aus eine große Variationsbreite auf. Dies ist vor allem bei Generalisten (Arten die in vielen verschiedenenen Lebensräumen zu Hause sind) zu beobachten.
  • Männchen und Weibchen unterscheiden sich äußerlich stark (Geschlechtsdimorphismus)
  • Jungtiere sind kleiner, haben andere Proportionen und sind heller gefärbt als die Erwachsenen. Auch ist manchmal die Körperzeichnung noch nicht voll ausgebildet.
  • Manche Spinnen verändern ihr Aussehen auch noch nach der letzten Häutung. So dunkeln weibliche Xysticus (Thomisidae) mit dem Kokonbau deutlich nach.
  • In Alkohol eingelegte Spinnen (z. B. Nasspräparate aus Sammlungen oder Fänge aus Bodenfallen) verändern ihr Erscheinungsbild deutlich. Über längere Zeit in Alkohol oder ähnlichen Konservierungsflüssigkeiten eingelegte Spinnen verlieren zudem ihre natürliche Farbe.

Dagegen unterscheiden sich diese makroskopischen Merkmale von Art zu Art innnerhalb einer Artengruppe oft nur wenig. Deshalb können sie in den meisten Fällen bestenfalls für die Bestimmung der Gattung dienen. Die Bestimmung der Familie ist für erfahrene Arachnologen in den meisten Fällen ohne Weiteres makroskopisch möglich.

Bestimmungsliteratur

Die Bestimmungsliteratur für Spinnen macht sich diese Merkmale zunutze um Spinnenfamilien zu bestimmen. Sie werden entweder mit Hilfe von Bestimmungsschlüsseln abgefragt oder in Beschreibungstexten zu Fotografien genannt. Im Hauptartikel Spinnenliteratur werden Bestimmungsbücher aufgeführt.

Bestimmung nach mikroskopischen Merkmalen

Um die Artzugehörigkeit einer Spinne zweifelsfrei festzustellen (z. B. im Rahmen von Arterfassungsprojekten oder anderer wissenschaftlicher Untersuchungen), ist es in den meisten Fällen notwendig das Exemplar zu töten und unter einem Binokular zu untersuchen.

Genitale Bestimmung

Da die meisten Spinnen über gut sichtbare und komplex gebaute Geschlechtsorgane verfügen, die zudem eine hohe Artspezifik aufweisen, haben sich diese als allgemein anerkanntes Hauptunterscheidungsmerkmal etabliert. Dies sind im Einzelnen:

  • die männlichen Pedipalpen mit Anhängen und Fortsätzen der Femora, Tibien und Patellae der Pedipalpen sowie der Bulbus und die ihn umgebende Begattungsapparatur.
  • die Epigyne (chitinisierte Platte um die Geschlechtsöffnung an der vorderen Ventralseite des Opisthosomas)
  • die Vulva (innere chitinisierte Strukturen des weiblichen Geschlechtsorgans – v. a. Einführungsgänge und Samentaschen).

Da die Geschlechtsorgane erst mit der Reifehäutung (bei den meisten Spinnen die letzte Häutung) voll entwickelt sind, kann eine sichere Determination bei den meisten Spinnenarten nur am geschlechtsreifen Tier erfolgen.

Bestimmung nach anderen mikroskopischen Merkmalen

Daneben sind andere mikroskopische Merkmale wie Körperbestachelung, Augenstellung, Form und Bezahnung der Cheliceren und andere von Bedeutung. Sie helfen bei der Eingrenzung der Gattung, bei der Einordnung von juvenilen Tieren oder bei der Bestimmung haplogyner Spinnen, die keine ausreichend differenzierten Geschlechtsorgane besitzen.

Technische Einzelheiten zur Bestimmung

Die Abtötung erfolgt im Allgemeinen in hochprozentigem Ethanol. Zur Untersuchung eignen sich Stereomikroskope mit einer guten Beleuchtung und einer maximalen Vergrößerung von mindestens 20fach. Für die Untersuchung sehr kleiner Arten können aber Vergrößerungen von bis zu 50fach nötig sein.

Für die Untersuchung wird das Exemplar in ein Schälchen mit Wasser oder Ethanol und einer Schicht Fixiersand überführt. Am besten eignen sich dafür Blockschalen aus Glas. Als Fixiersand wird gut gespülter, sehr feiner Sand verwendet, wie er z. B. in Zoohandlungen als Vogelsand verkauft wird oder Glasperlen, wie sie z. B. für Sandstrahlverfahren verwendet werden. Als wichtigste Voraussetzung für die Vergleichbarkeit mit Abbildungen in der Literatur ermöglicht der Fixiersand das genaue Positionieren der Spinne oder abgetrennter Körperteile unter dem Mikroskop. Eine Alternative zum Fixiersand ist ein Methylcellulose-Gel (z.B. K-Y Jelly), das sich mit dem Alkohol im Probegefäß nur wenig vermischt und eine noch präzisere Ausrichtung des Präparats erlaubt.

Nach einer groben Beurteilung der Präparats und einer Einordnung in eine Familie oder Gattung nach Habitus, Augenstellung und ähnlichen Merkmalen, müssen je nach Geschlecht die Epigyne oder der Pedipalpus untersucht werden.

Pedipalpus

Der Palpus wird in vielen Fällen abgetrennt, um ihn in die gewünschte Position bringen zu können. Bei unbekannten Arten oder schwierigen Bestimmungen empfiehlt es sich, den Palpus unter dem Binokular mehrfach langsam zu drehen und sich seine Struktur aus verschiedenen Blickwinkeln anzusehen. Wenn man die räumliche Struktur des Organs verstanden hat, gelingt die Zuordnung zu den Abbildungen in der Literatur schneller und sicherer.

Ab und zu bläht sich der Bulbus durch osmotische Prozesse beim Überführen von einer zur anderen Flüssigkeit auf und verändert dadurch seine räumliche Struktur stark. Dieser Zustand ist oft nicht wieder umkehrbar, und in den meisten Fällen ist eine Bestimmung dann nicht mehr möglich.

Epigyne

Die Epigyne ist am unbehandelten Tier nicht immer gut sichtbar. Manchmal wird sie von Haaren verdeckt, ist durch klebriges Sekret verstopft, welches die Männchen nach erfolgreicher Paarung als Verschluss in der Epigyne hinterlassen oder sie ist aufgrund der dunklen Färbung des Tieres nicht hinreichend erkennbar. In solchen Fällen wird die Epigyne mit Hilfe feiner Nadeln und Pinzetten freigelegt.

Wenn die Epigyne trotzdem noch nicht gut genug sichtbar ist, oder die Epigynenstrukturen nicht ausreichen, um nahe verwandte Arten zu unterscheiden, muss sie herausgetrennt und von der Innenseite (Vulva) betrachtet werden.

Zum Heraustrennen sticht man mit einer feinen Nadel oder der einen Seite einer Spitzpinzette von hinten unter die Bauchfalte (Epigastralfurche) und versucht die Haut um die Epigyne durch seitliche Bewegung einzureißen. Zusätzlich kann man die Haut neben und vor der Epigyne mit einer sehr spitzen Nadel perforieren.

Beim Heraustrennen von Epigynen sollte man darauf achten, die inneren Strukturen nicht zu beschädigen, da sie sonst für eine Bestimmung unbrauchbar werden. Es empfiehlt sich daher, möglichst großzügig vorzugehen und auch umgebendes Gewebe mit herauszutrennen.

Die herausgetrennte Epigyne muss in den meisten Fällen auf der Innenseite von anhängendem Gewebe befreit werden. Dabei helfen auch wieder Spitzpizette, Nadeln oder ein feiner Pinsel. Auch hierbei sollte mit äußerster Vorsicht vorgegangen werden, da feine Vulvenstrukturen abbrechen können. Es ist für die Bestimmung nicht erforderlich, das Präparat vollständig mechanisch zu säubern.

Um die Vulva vollständig von Gewebe zu befreien und gleichzeitig dunkle chitinisierte Strukturen etwas aufzuhellen, kann die Epigyne mit heißer Milchsäure behandelt werden. Dazu wird die herausgetrennte Epigyne in einige Tropfen 10-prozentiger Milchsäure gelegt und für eine bis drei Minuten gekocht (z. B. in einem Reagenzglas über der Flamme einer Kerze). Danach wird die Epigyne kurz in Ethanol gespült, um Milchsäurereste zu entfernen und wieder in den Fixiersand überführt. Gerade bei kleinen Exemplaren ist ein Aufkochen jedoch nicht erforderlich, und die Gewebereste werden auch in kalter Milchsäure innerhalb kürzester Zeit (wenige Minuten, spätestens über Nacht) transparent, so dass bestimmungsrelevante innere Strukturen gut sichtbar werden. Alternativ können kleine Präparate, nach vorsichtigem Abtupfen von überschüssigem Alkohol, in einen Tropfen Nelkenöl oder Methylsalicylat (Wintergreen Oil) überführt werden, wodurch die Gewebereste ebenfalls in Minutenschnelle transparent werden und detaillierte Untersuchung der inneren Details (an Vulven, Epigynen oder Pedipalpen) erlauben, ohne das Material durch Kochen oder übermässiges Mazerieren zu zerstören.

Sehr dunkle, stark sklerotisierte Präparate können auch durch Wasserstoffperoxid (Kontaktlinsenreiniger) oder Hypochlorit (verdünnte Haushaltsbleiche) vorsichtig aufgehellt werden, oder durch Einlegen über Nacht in 10% Kaliumhydroxidlösung (bei den männlichen Pedipalpen führt das jedoch, wie die Behandlung mit Milchsäure, zu einer Expansion, die die Untersuchung der einzelnen Strukturen zwar sehr erleichtert, gerade dem Anfänger aber einen Vergleich mit den Abbildungen in der Bestimmungsliteratur fast unmöglich macht).

Präparation

Fotografieren mikroskopischer Merkmale

Moderne Stereomikroskope bieten oft schon einen dritten Tubus für die Montage eines Fotoapparates an. So können präparierte und unter Flüssigkeit im Fixiersand positionierte Genitalen oder andere bestimmungsrelevante Strukturen während des Bestimmungsprozesses abgelichtet werden. Diese Fotos dienen dann zur Archivierung der Funde, zum Vergleichen mit Abbildungen oder können in Foren diskutiert oder an Experten versandt werden.